Episode #3: Warum so viele Projekte im Unternehmen scheitern
Scheitern wirklich 70 bis 80 % aller Change-Projekte und fast alle KI-Initiativen in Unternehmen? In dieser Folge hinterfragen Karin Stumpf und Johannes Deltl die gängigen Statistiken und beleuchten die wahren Ursachen für Probleme bei der Projektumsetzung.
Warum so viele Projekte im Unternehmen scheitern – und warum die 70%-Quote ein Mythos ist
Wie oft haben Sie in Präsentationen, Fachartikeln oder Beratungsvorträgen schon diese eine Zahl gehört? „70 Prozent aller Change-Projekte in Unternehmen scheitern.“ Ähnlich verhält es sich aktuell mit KI-Initiativen, bei denen sogar von einer Misserfolgsquote von bis zu 95 Prozent gesprochen wird.
Diese Zahlen sind drastisch. Sie rütteln wach, sie erzeugen Handlungsdruck – und sie führen nicht selten dazu, dass externe Berater herangezogen werden. Doch entspricht diese Statistik überhaupt der Realität?
In einer neuen Episode des ACRASIO-Podcasts „Strategie trifft Veränderung“ hinterfragen Dr. Karin Stumpf und Johannes Deltl (Geschäftsführer von ACRASIO) dieses Schreckgespenst der Management-Literatur. Sie analysieren, wie solche Quoten entstehen, woran Projekte tatsächlich kranken und wie Führungskräfte die Weichen für echte Projekterfolge stellen können.
Der statistische Trugschluss: Wie Erfolg (nicht) gemessen wird
Dass die ominöse 70-Prozent-Scheiternsquote wissenschaftlich auf wackeligen Beinen steht, hat einen einfachen Grund: In den meisten Unternehmen fehlt es an einer klaren, objektiven Definition und Messbarkeit von Projekterfolgen.
Häufig werden Mitarbeiter in Studien subjektiv befragt, ob ein Projekt in ihren Augen erfolgreich war. Die Antworten fallen oft negativ aus – allerdings weniger aus betriebswirtschaftlichen Gründen, sondern weil das Projekt für den Einzelnen mit persönlicher Anstrengung, neuen Systemen oder ungeliebten Prozessänderungen verbunden war.
Zudem zeigt die Praxis, dass die klassischen Projektparameter – Scope, Zeit und Budget – zwar oft gerissen werden, das Projekt dem Unternehmen am Ende aber dennoch einen enormen strategischen Wert einbringt (etwa durch Markterschließung oder langfristige Effizienzgewinne). Umgekehrt wird nach dem Projektabschluss viel zu selten nachgemessen, ob die ursprünglich definierten Business-Ziele nach einem oder zwei Jahren tatsächlich erreicht wurden. Ohne diese Messung bleibt jede Erfolgsquote reine Spekulation.
Die wahren Hürden: Warum Projekte in der Praxis ins Straucheln geraten
Auch wenn die Scheiternsquote in der Realität weit unter 70 Prozent liegen dürfte, sind die Herausforderungen bei der Umsetzung enorm. Karin Stumpf und Johannes Deltl identifizieren im Gespräch die wesentlichen Barrieren:
1. Das Missverständnis der Zielsetzung (Beispiel SAP-Einführung)
Viele Transformationsprojekte scheitern bereits an der mentalen Einordnung durch das Management. Wird beispielsweise die Einführung eines neuen ERP-Systems wie SAP fälschlicherweise als reines IT-Projekt verstanden, schlägt die Initiative oft fehl. Die Führungsebene muss verstehen, dass es sich hierbei um ein Organisations- und Prozessoptimierungsprojekt handelt, das die Arbeitsweise des gesamten Unternehmens verändert. Ohne dieses gemeinsame Verständnis der Führungsriege fehlt dem Projekt die strategische Ausrichtung.
2. Das Erbe der „Altlasten“ (Keine grüne Wiese)
Ein neues Projekt startet in einem etablierten Unternehmen niemals auf einer sprichwörtlichen „grünen Wiese“. Jede Organisation trägt die Narben vergangener, misslungener Veränderungsprozesse. Haben Mitarbeiter vor Jahren schlechte Erfahrungen mit einer Umstrukturierung gemacht, schwingt dieser negative Grundton beim Start des nächsten Projekts automatisch mit. Erfolgreiches Change Management muss diese Historie aktiv adressieren und transparent erklären, warum es dieses Mal anders und besser laufen wird.
3. Mangelnde Ressourcen und das „Nebenbei-Dilemma“
Große Transformationsprojekte werden im Mittelstand oft als Zusatzaufgabe definiert. Die beteiligten Mitarbeiter sollen die Veränderung „nebenbei“ zum stressigen Tagesgeschäft stemmen. Dass hierbei weder die Qualität des Projekts noch die Motivation der Belegschaft aufrechterhalten werden kann, ist eine logische Konsequenz.
4. Die Herausforderung der Transparenz bei Restrukturierungen
Nicht jedes Projekt dient dem reinen Wachstum; oft geht es auch um Effizienzsteigerung und Stellenabbau. In solchen sensiblen Phasen ist eine vollkommene Transparenz von Anfang an unmöglich und auch nicht im Sinne des Persönlichkeitsschutzes. Hier gilt es für Führungskräfte, die feine Balance zu finden: Wie viel individuelle Vertraulichkeit ist nötig, und wie viel strategische Perspektive muss kommuniziert werden, damit die Leistungsträger, die im Unternehmen verbleiben sollen, nicht demotiviert das Weite suchen?
Der größte Hebel: Veränderung beginnt an der Spitze
Ein fundamentaler Satz prägt jede Veränderung im Unternehmen: „Jeder möchte verändern, aber niemand möchte verändert werden.“ Das gilt insbesondere für Führungskräfte.
Viele Manager betrachten Change Management als ein Werkzeug, um das Verhalten ihrer Mitarbeiter zu modifizieren. Doch echte Transformation, wie beispielsweise der Wandel hin zu agileren Arbeitsweisen, scheitert oft an der mangelnden Bereitschaft der Führungsebene, eigene Verhaltensmuster anzupassen. Agilität funktioniert nur, wenn Führungskräfte bereit sind, starre Kontrollmechanismen abzugeben und ihren Teams echtes Vertrauen zu schenken. Wenn die Führungskraft trotz agiler Prozesse jede Entscheidung selbst validieren möchte, bleibt die Agilität eine reine Worthülse.
Es verhält sich hierbei wie in der Kindererziehung oder beim Hundetraining: Das Verhalten des Teams spiegelt letztlich immer das Verhalten und die Klarheit der Führung wider.
Erlebbare Veränderung: Mit Planspielen im Trockentraining lernen
Weil theoretisches Wissen allein selten ausreicht, um die komplexen Dynamiken eines Change-Projekts zu beherrschen, setzen wir bei ACRASIO auf interaktive Business-Planspiele.
Mit bewährten Formaten wie unserem Brettspiel Wallbreakers simulieren wir Veränderungsprozesse im geschützten Rahmen eines Workshops. Führungskräfte erleben hautnah, an welchen Meilensteinen Mitarbeiter emotional aussteigen, wie Widerstände entstehen und mit welchen gezielten Interventionen man das Team wieder an Bord holt. Dieses „Trockentraining“ schützt Unternehmen vor teuren Fehlern in der realen Praxis.
Fazit: Lassen Sie sich nicht von vermeintlichen Scheiterns-Statistiken demotivieren. Projekte gelingen, wenn sie klar gemessen, mit ausreichenden Ressourcen ausgestattet und von Führungskräften getragen werden, die bereit sind, als Vorbild voranzugehen.
Möchten Sie mehr über die Mechanismen erfolgreicher Projektumsetzungen erfahren? Hören Sie die gesamte Podcast-Folge auf Spotify, Apple Podcasts oder sehen Sie sich die Diskussion unserer Geschäftsführer direkt auf YouTube an: ACRASIO - Warum so viele Projekte im Unternehmen scheitern (und warum die 70%-Quote ein Mythos ist).
Für wen ist der Podcast gedacht?
Für Geschäftsführer, Strategie-Verantwortliche, Change Manager und Führungskräfte, die Märkte, Organisationen und Veränderungsprozesse besser verstehen wollen.

